Mittwoch, 23. April 2014

Kalter Krieg im submedialen Raum

Vortrag in der ACC Galerie, Weimar, 22.4.2014


KALTER KRIEG IM SUBMEDIALEN RAUM


"Hotel Kilo" hieß im kalten Krieg ein Störsender des BND, der auf der Frequenz von Radio Moskau sendete. Störsender werden oft als Teil des Zensur- und Propaganda-Apparats totalitärer Staaten genannt. Doch auch das Fernsehen der DDR und der Rundfunk der DDR waren in der BRD -selbst im Zonenrandgebiet- nur schwer zu empfangen und durch Interferenzen gestört. Das fiel mir als radiofixierter Junge in den 1980ern bei Besuchen bei Oma im Zonenrandgebiet bei Lüchow-Dannenberg auf. Ich habe keine Beweise dafür, aber ich bin mir sicher, dass in unmittelbarer Nähe der DDR-Grenze das Fernsehen/ Radio der DDR hätte besser zu empfangen sein müssen. Auf der Stimme der DDR lag ein weisses Rauschen, auf ein Kessel Buntes rieselte leise der Schnee.



In dieser Zeit hörte ich natürlich gerne das Radio-Programm der BFBS, die einzige Quelle für alternative Musik der Post-Punk Ära. Ein Stück, das wie kein Zweites in diese Zeit passt, ist Computerwelt von Kraftwerk, das damals auch ab und an im Radio lief. Es beschrieb die Rätsel und Tabus hinter nicht identifizierbaren Daten. Es war die Zeit des nuklearen Patts, der Volkszählung, und der Beginn des digitalen Datenverkehrs. Im Radio tobte der Ätherkrieg: Oft gefiel es mir damals, einfach die Sender der Kurzwelle zu durchforsten. Das war eine tolle Beschäftigung an grauen Tagen in der niedersächsischen Provinz. Wenn die Wolken niedrig hingen, war der Empfang oft gut und man konnte auf Safari gehen: Sender aus Russland, Finland, Polen und in Sprachen, die ich nicht einordnen konnte. Eine bei mir besonders beliebte Station war der Deutsche Seewetterdienst. Ich wartete immer darauf, dass irgendwas mit Windstärke 5 oder 9 kam. Dann sagte die Frau immer: "Fünnef" oder "Neuen", weil das wohl besser zu verstehen sei. Auf Kurzwelle so üblich. Irgendwann landete ich bei einem Sender, da sagte eine Stimme ebenfalls "Fünnef" und noch viele andere Zahlen. Manchmal irgendwas in Richtung "Tango, Foxtrott, Delta, Lima, Charly...", dann Zahlenreihen. Dazwischen monotone Tonfolgen, Piep- oder Brummtöne. Ansonsten keine Informationen. Inzwischen habe ich herausgefunden, dass es sich dabei um sogenannte "Zahlensender" handelte. Diese waren im kalten Krieg Sender des Militärs, von Agentennetzwerken oder diplomatischen Diensten. Sie übermitteln geheime Informationen, Lageberichte und Einsatzbefehle. Auch heute noch gibt es solche Sender.





In Russland gab es auch einige solcher Zahlensender, der sagenumwobenste ist UVB-76, genannt "The Buzzer". Sein Zweck wurde öffentlich nie geklärt. Wir können darüber nur Vermutungen anstellen. UVB-76 sendete, wie viele der mysteriösesten Stationen nur Brumm- oder Pieptöne, gelegentlich unterbrochen von sich wiederholenden Sprachmeldungen; Zahlen und Buchstabencodes, die sich über Jahrzehnte nicht veränderten. Um UVB-76 rankten sich allerhand obskure Theorien. Die Gruseligste ist wohl die der "toten Hand". Diese besagt, dass der Sender die Funktion eines Totmannschalters erfüllt. Dieses kennt man beispielsweise aus der Lokomotive. Hier muss der Fahrer alle paar Sekunden auf einen Schalter drücken, sonst wird der Zug automatisch gebremst. Für den Zahlensender besagt die Theorie, dass ein Ende des Funksignals einen atomaren Zweitschlag auslösen sollte. Würde also die UdSSR von Atomraketen angegriffen und die militärische Führung abgeschnitten oder getötet, löste sich automatisch der Zweitschlag.

Ob das stimmt oder nicht, kann niemand mit Gewissheit sagen. Aber der Verdacht beflügelt die Phantasien und vereinigt, wie so oft Fakt und Fiktion im "sub-medialen Raum". Mit diesem Terminus  beschreibt der russische Philosoph Boris Groys, dass sich hinter dem sichtbaren Zeichenraum, ein unsichtbarer Raum dunkler Geheimnisse verberge. In seinen Worten also: "dass sich hinter allem Sichtbaren etwas Unsichtbares verbirgt, das als Medium dieses Sichtbaren fungiert". 


Das Symptomatische für das Verhältnis der Menschen Anfang der 1980er Jahre zur Medien-, Kommunikations-, und Informationswelt lag in jenem, nach Edward Snowden aktualisierten, Verdacht des Unheils der digitalen, bzw. codierten Nachrichtenwelt gegenüber der analogen Welt. Was auch Kraftwerk in ihren Song „Nummern“ und „Computerwelt“ einarbeiten, war die Gewissheit einer gegenwärtigen und greifbaren medialen Realität, einer Kommunikation, deren durch die Zeichen selbst versiegelter Inhalt gleichsam Enigma und Tabu ist. Dass also (in den 1980ern wohlgemerkt in einer völlig anderen geopolitischen Situation) die Großmächte als abgeschottete Entitäten an den Menschen vorbei kommunizierten in einer codierten Geheimsprache, auf welche der gewöhnliche Mensch mit seinen Öffentlichkeitsapparaten keinen Einfluss nehmen konnte, betonierte das Gefühl des Ausgeliefert-Seins: Maschinen lenkten das Schicksal der Welt. Apparatschiks drückten in blindem Gehorsam nur noch die Knöpfe. Die Befehlsgewalt hatte Dr. Strangelove oder gar eine außer Kontrolle geratene Maschine, die von Menschenhand nicht mehr aufgehalten werden kann.
Dieses Verhältnis führte zu einer Skepsis gegenüber Maschinen und maschinen-basierter Datenerhebung, die in mancherlei kulturellem Erzeugnis die Feindschaft von Menschengeschlecht und Maschinen imaginierte und Filme, wie den Terminator von Ridley Scott hervorbrachte. Auch der Song „Computerstaat“ der Hamburger Punkband Abwärts zeugte von dieser Entfremdung. In der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit führte die Angst vor Maschinen- und Geheimdienstkontrolle zum Volkszählungsboykott und den dazugehörenden Demonstrationen.



Blickt man im Zeitalter von sozialer Netzwerke auf das zurück, wogegen sich die Bürgerbewegung in jener Zeit wehrte, kommt einem die Leichtfertigkeit, mit der man jahrelang soziale Netzwerke und ähnliches mit intimsten Informationen und sensibelsten Metadaten fütterte, geradezu wahnsinnig vor. Erst die NSA-Affäre brachte bei Öffentlichwerdung einen erneuten Einbruch von Skepsis in das Verhältnis von Mensch und Information. Doch wer heute von Vertrauensbruch spricht, sollte sich vielleicht zunächst fragen, wie es überhaupt erst zu einem Vertrauen kommen konnte.

Beides, das Vertrauen wie das Misstrauen bauen auf dem Verdacht auf: Einerseits, dass das Netz sicher sei, dass die Technologie die Privatheit der Menschen schützen könne und dass Staat und die Firmen, deren Kunde man ist, diese Privatsphäre respektierten. Andererseits das fatalistische Gegenbild: Einer omnipräsenten Überwachung sei mehr zu entkommen und Spione lauerte überall. Doch das neue Gefühl des Ausgeliefertseins unterscheidet sich von der Situation in den 1980er Jahren aber in einem besonders: Die damalige Disziplinargesellschaft und das lineare Kräfteverhältnis der Welt machten den den „Big Brother“ benennbar. In der heutigen Kontrollgesellschaft ist eine solche Adressierbarkeit von Kritik nur noch schwer vollziehbar. Ob und welche Staaten, welche Firmen, Verbrecher-Syndikate, Marktforschungsinstitute und Web-Dienste für Datengebrauch und -mißbrauch verantwortlich seien -wer könnte es in einer Welt potenziell überall lauernder Feindlichkeit noch mit Sicherheit sagen?



"Die Verbotenen Aufnahmen" von Jean-Teddy Philippe war eine Kurzfilmreihe, in der vermeintliche Amateuraufnahmen (angebl. von 1940-1980) von Übernatürlichem, Unerklärlichem und Mysteriösem berichteten. 

Schon der Titel diese Films deutet an, die Wahrheit der Bilder könnte im submedialen Raum zu finden sein. Dieser Raum erscheint so unergründlich, die darin verborgenen Wahrheiten so brisant, dass die Filmaufnahmen "verboten" sein. Dies suggeriert eine mediale Verschwörung, welche die Existenz von Außerirdischen, bizarre militärische Experimente und allerhand Paranormales zu verschleiern sucht.

In Wahrheit handelte es sich um ein fiktives Filmprojekt, dass mit dem Verdacht des Publikums und einem gebrochenen Verhältnis zur medialen Realität spielt. Das funktioniert bis heute ebenso gut wie die Mondlandungsverschwörung. Wer einmal bei youtube nach Beweisvideos dafür sucht, dass die Mondlandung nie stattgefunden hat, der kann hier fündig werden: Eine aberwitzige Anzahl von Beweisen und Interpretationen dafür, dass -so eine der vielen Legenden- die Mondlandung ausgerechnet von Stanley Kubrick in den White Sands der Wüste Nevadas aufgenommen wurde. Ähnlich geht es bei der Frage, wer John F Kennedy getötet habe. Oder bei den weitaus schwerer zu interpretierenden Bildern aus moderner Kriegsführung, z.B. Drohnenvideos, angeblichen Beweisen für Besuche von Außerirdischen und abstrusen, militärisch-wissenschaftlichen Geheim-Experimenten.



Seit Jahren kursiert ein schreckliches Video im Netz, in dem russische Forscher in den 1940er Jahren einem Hund den Kopf abtrennten und diesen durch einen Vorläufer der Herz-Lungen-Maschine am Leben erhielten. Als ich dieses Video durch Zufall zum ersten Mal sah, hielt ich es für echt und war von der Würdelosigkeit dieses Experiments erschüttert. Je mehr ich aber darüber nachdachte, umso unwahrscheinlicher kam mir dieses wahnwitzige Experiment vor. Je mehr ich nachforschte, umso mehr Theorien um Echtheit und Falschheit dieser Aufnahmen fand ich. So wurden sie für die einen zum Beleg für die Unmenschlichkeit der Forscher, gar zum Beweis für die Grausamkeit des Kommunismus. Andere fanden Indizien dafür, dass es sich um einen offensichtlich inszenierten Propagandafilm handelte, der angeblich die Überlegenheit der russischen Forschung in Szene setzen sollte. Dann wieder handelte es sich um einen amerikanischer Propagandafilm, der dem Ansehen der Sowjets schaden sollte. Stets fanden Beobachter Belege für die Echtheit oder den Fake.

Dabei spielten 5 Formen des Verdachts gegenüber diesen Bildern eine Rolle: 1. Der Verdacht, die Bilder könnten echt sein. 2. Der Verdacht, sie könnten lügen. 3. Der Verdacht der Machbarkeit; ein solches Experiment sei 1940 technisch möglich gewesen oder nicht. 4. Der Verdacht, Wissenschaftler seien zu einer solchen Grausamkeit fähig. 5. Es könne sich um Propaganda halten. Die ersten beiden Punkte beziehen sich auf die Glaubwürdigkeit der Technologie der Bildproduktion. Punkt drei und vier beziehen den Zweifel auf die Kredibilität des Dargestellten. Der letzte Punkt versucht die Glaubwürdigkeit der Bilder über eine vermeintliche Kompromittiertheit zu entkräften oder zu relativieren. Ich konnte jedenfalls keinen wirklichen Beweis für die Richtigkeit meiner Emotionen gegenüber dem russischen Film finden und ging dazu über, glauben zu wollen, es handle sich um einen Fake. Letztlich ist als der Verdacht mein Medium, an der Grausamkeit der Welt nicht verzweifeln zu müssen und so mein Leben zu erleichtern.


Der Verdacht, der am Wahrheitsgehalt von Bildern zweifelt, ist oft aber einer Grundannahme der Überlegenheit in Bezug auf das technische Vermögen von Bilderzeugern aufgesessen. Im Zeitalter von Bildmanipulationen und Bildpolitik sind die Bildproduktionsmaschinen alles andere als verlässliche Träger von Information geworden. Die plumpen Auslöschungen Leo Trotzkis aus dem offiziellen Bilderkanon der UdSSR sind in vielerlei Hinsicht zeitgenössischen Manipulationen ähnlich, obgleich letztere technisch avancierter sind. Die Fotoretuschen der russischen Propagandamaschine zogen ihre Kraft aus der damaligen Lesart von Fotografie. Das ist für unsere digitalen Bildwelten kaum anders. Oft bezieht sich also der Zweifel am Wahrheitsgehalt der Bilder auf den Inhalt und weniger auf die Produktionstechnik, deren darstellende Standards wir unbewusst als authentisch angenommen haben. Obwohl digitale Fälschungen doch erkennbar sind, ist es aufgrund der Abstraktion digitaler Bilder, das gilt insbesondere für Streaming-Media, immer schwieriger geworden, zwischen bearbeitetem und unbearbeitetem Bild zu unterscheiden. Einige Bilder sind so abstrakt, dass sie ohne Interpretation gar nicht auskommen können. Die Aufnahmen von Drohnen beispielsweise liefern Bilder von hohem Abstraktionsgehalt, die ohne externes Narrativ kaum noch in Beziehung zu setzen  sind. Und gerade an den Punkten, an denen wir es nicht mehr erkennen können und Bilder einen besonderen Deutungsbedarf auslösen, sind wir geneigt, hinter den Bildern mehr zu vermuten.

Der Verdacht, also die Annahme, jemand habe übel gehandelt, hat seinen sprachlichen Ursprung in der « Vordacht ». Gerne wird diese Nähe zur Vorverurteilung oder gar zum Vorurteil vergessen. Im Falle Edathy, in der Causa Wulff oder bei Uli Hoeneß schwingt die Vordacht mit, Politik und Institutionen hätten Dreck am Stecken. Dieser Argwohn kann in einer Demokratie hilfreich sein. Zieht er aber die Gültigkeit rechtsstaatlicher Prinzipien und Weisungen in konstanten Zweifel, so kann eine Inflation der Skandale ebenso symptomatisch für eine Krise der Demokratie sein wie das Fehlen solcher. Aufgabe der Presse ist es, die Demokratie zu kontrollieren, nicht ihre Legitimität in Abrede zu stellen. In den drei genannten Fällen betrieben Teile der Presse eine Affizierung der öffentlichen Meinung, der es an demokratischer Kultur mangelt.

Hinter jeder mediatisierten Realität lauert der sub-mediale Raum. Dieser liege, wie der Philosoph Boris Groys beschreibt, wie gesagt, hinter der medialen Oberfläche und unsereins käme nicht umhin, hinter jeder normativen Oberfläche einen Abgrund der Lüge zu vermuten. Je banaler der Anschein, umso stärker der Verdacht. Der Populismus einschlägiger Medien hat sich die detektivische Praxis von Medienwissenschaftlern bis zu Verschwörungstheoretikern längst angeeignet und modelliert damit die Einschlagskraft ihrer Nachrichten. Stets spüren Kolporteure die Möglichkeit zum Skandal auf. Volkszorn gegen Wellen der Sympathie. Was sozialen Unfrieden auch schürt; für den Nachrichtenmarkt ist es immer gut. 

Im Fall Edathy ist bis heute vieles unklar. Der Mutmaßung, es könne sich bei den Bildern, die Edathy im Internet bestellte, um Kinderpornografie handeln, reichte dank „gutem“ Timing bereits für die mediale Guillotine. Dass es sich bei den Bildern um Darstellungen nackter Kinder im Grenzbereich zur Pornografie handeln könnte, erfuhr man später. Die Justiz aber kann Grenzwertigkeit nicht verurteilen. Wo es keinen Verstoß gegen Gesetze gab, entbrannten erst Moraldebatten, dann der Ruf nach schärferen Gesetzen. Verdacht ist ein stumpfes Beil. Früher hat man versucht, durch Unterstellung von Homosexualität, das Ansehen politischer Gegner zu beschmutzen. Die Affäre Kißling war ein tragischer Fall. Damals hatte man versucht durch sexuelle Denunziation, in Form der Behauptung der ranghohe Bundesgeneral sei homosexuell, sich selbigem zu entledigen. Als Begründung für die folgende Amtsenthebung galt wiederum ein Verdacht: nämlich, dass Kißling durch seine sexuelle Orientierung in besonderem Masse erpressbar sei und durch seinen Umgang ein Sicherheitsrisiko darstelle. Ronald Schill versuchte später, Ole von Beust durch selbe sexuelle Denunziation zu erpressen. Er scheiterte. Die öffentliche Meinung hatte sich geändert. Der Satz: „Ich bin schwul und das ist auch gut so!“ stammte von Berlins regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit und besiegelte die Epoche homosexueller Denunziation. Wer sie heute hervorbrächte, würde gegen den neuerlichen moralischen Standards der political correctness verstoßen. Heute lautet der terminale Vorwurf: Pädophilie! Von ihm kann man sich nicht reinwaschen. So wie Kißling trotz Rehabilitierung in militärischen Kreisen für immer geächtet blieb, gilt heute, dass derjenige, dem Pädophilie auch nur vorgeworfen wird, selbst bei Freispruch nicht mehr unbedingt mit einer gesellschaftlichen Rehabilitierung rechnen kann. Der Verdacht ist, wie bereits erwähnt, gleichzeitig schon das Urteil. Im Zuge der britischen Operation Ore wurden tausende anhand von Kreditkartendaten dem Verdacht der Pädophilie ausgesetzt. Was die britische Polizei der Öffentlichkeit verschwieg, war ein großangelegter Kreditkartenmißbrauch, dem tausende zum Opfer fielen und so falsch beschuldigt wurden. Im Resultat bedeutete es über 100-fachen Kindesentzug für Väter und 33 Selbstmorde.


Beim Verdacht schwingt also auch eine Färbung mit, die wohlwollend oder eben nicht, die Möglichkeit einer Rehabilitierung ein- oder ausräumt. Ob eine mediatisierte vermeintliche Tatsache wahr ist oder nicht, kann dabei unter den Tisch fallen. Das ist bei der Schuldfrage eine meist personalisierte Angelegenheit, welche sich der öffentlichen Meinung unterwerfen muss. Zum Beispiel: Hoeneß war es nicht, und wenn doch, wiege es nicht so schlimm, er habe ja auch so viel für den Verein, ja für Deutschland getan. Und schon fragt man sich, ob der Verurteilte die Haftbedingungen überstehen werde oder ob er nicht daran zugrunde gehen könnte. Eine Empathie tritt zutage, die normalen Verbrechern normalerweise nicht begegnet. Im Gegenteil, werden die Normen des Rechtsstaats gerne mal aus den Angeln gehoben bei lauthalsen Forderungen nach Zwangskastration für Sexualstraftäter und Wiedereinführung der Todesstrafe. Ähnlich exzessive Forderungen werden, je nach Feindbild auch gerne für andere Gruppen als Maßnahmen angeführt. Man erinnere sich an Peter Fleischmann's Dokumentarfilm „Herbst der Gammler“, in denen sogenannten „gammelnden“ Jugendlichen, wegen Verstosses gegen das nazistisch-protestantische Arbeitsethos der Aufbaugeneration, den in schmerzhafter Kontinuität zur NS-Ideologie so genannten „Sozialschmarotzern“ Zwangswäsche, Arbeitslager und Todestrafe anempfohlen wird. Ein Diskurs, der sich -nota bene- bis heute, in geschwächter Form, in Bezug auf sogenannte „Integrations- und Arbeitsunwillige“ hält.



Im letzten Sommer schrieb ich einen Artikel über die Anklage von Jonathan Meese wegen des Zeigens des Hitlergrusses auf einer öffentlichen Veranstaltung. Später folgte eine Anklage wegen des Zeigens des Hitlergrusses und des angedeuteten Oralsex mit einer Alien-Puppe auf der Bühne des Mannheimer Theaters. Die Auftritte Meese's haben immer den Charakter der Performance. Eine beflissene Staatsanwaltschaft versuchte, sich durch eine solche Anklage gegen einen prominenten einen Namen zu machen. Doch das Zeigen von verfassungsfeindlichen Symbolen auf der Bühne ist nicht das Selbe wie auf der Straße oder bei einer Demonstration. Nach dieser Logik müssten einige berühmte Collagen des anti-faschistischen Künstlers John Heartfield verboten sein.

Doch der Gesetzgeber kennt den Unterschied und garantiert die Freiheit der Kunst. Aus gutem Grund: Wir wollen ja eine Demokratie sein. Im Gegensatz zu Ländern wie Afghanistan gibt es hier per Gesetz a priori keine Bilderverbote. Bilderverbote gibt es bei uns -offiziell jedenfalls- nur in Bezug auf Persönlichkeitsrechte und andere Grundrechte Dritter, Jugendgefährdung, Pornografie und insbesondere Kinderpornografie. Jedoch schließt der Tatbestand der Pornografie den Kunstcharakter nicht zwingend aus. So entschied im berühmten Mutzenbacher-Prozess gar das Bundesverfassungsgericht in der Revision einer Klage des Rowohltverlages gegen die Zensur der Autobiografie der Dirne Josephine Mutzenbacher.



Im Bezug auf die Bilder ist es klar: Die Freiheit der Darstellung hat ihre Grenzen in der Verletzung von Grundrechten. Dabei ist es ganz gleichgültig, ob und wie man etwas moralisch oder qualitativ beurteilt. In diesem Grenzbereich bewegen sich einige Künstlerinnen und Künstler. Man kann beispielsweise die Darstellung von Frauen bei Helmuth Newton oder bei Mel Ramos und Allen Jones geteilter Meinung sein. Einen Shitstorm löste unlängst eine Skulptur von Bjarne Melgaard aus, ein angeblich sadomasochistisches und frauenverachtendes sowie rassistisches Sitzmöbel. Über den Zusammenhang von Frauenfeindlichkeit und Sadomaso müsste man gesondert diskutieren. In der öffentlichen Meinung geht es bei so einer Darstellung vornehmlich um Sexismus. Brisanz erhielt das Werk des Norwegers Melgaard, als sich eine russische Oligarchenfrau und Galeristin darauf setzte und für die Öffentlichkeit ablichten ließ. Verstanden hatte die Kunstkennerin das Werk offenbar nicht Sonst hätte sie sich als weiße Frau nicht für den Fototermin darauf gesetzt. Melgaard wurde auch selbst mit dem Vorwurf des Rassismus und der Frauenfeindlichkeit konfrontiert. Dabei handelte es sich bei dem Werk um ein Zitat eines Werks von Allen Jones, dessen angenommenen Sexismus Melgaard ins Rassistische steigerte. Aber ist er deshalb auch selber ein Rassist? Nein, das ist er nicht. Die Meta-Ebene des Werks verlangt gelesen zu werden. Gerade hierin besteht ja der Kunstcharakter.



Balthus hat sich stets gegen den Pädophilie-Verdacht gewehrt und gesagt, das läge alles an Nabokov und der Konjunktur der Freud'schen Psychoanalyse in bürgerlichen Kreisen ab den 1950er Jahren. In der Tat kann man seinen Gemälden halbwüchsiger Mädchen den Kunstcharakter nicht absprechen. Dennoch wohnt Ihnen das inne, was sich in seinen im hohen Alter angefertigten Polaroids offenbaren sollte: Ein pädophiler Blick.

Auch Edathy verteidigt sich ähnlich und das ist strategisch klug. Er behauptet, bei den von ihm bestellten Bildern handle es sich um Kunst. Das ist geschickt, denn er stellt damit der öffentlichen Meinung eine Falle. Sein Gegenverdacht: Hinter der entfesselten Moral lauere die Doppelmoral. Da man die betreffenden Bilder nicht gesehen hat, findet die Debatte allerdings anhand eines Phantoms statt. Über die Grenzwertigkeit einiger Darstellungen kann man sich durchaus auch mit dem Blick auf den bürgerlichen Kunstgeschmack streiten. Die Gemälde eines Balthus, mit ihrer obsessiven Darstellung sich räkelnder, halbwüchsiger Mädchen, eindeutiger noch die jüngst ausgestellten, privaten Polaroids, offenbaren den lüsternen Blick von Opa Pervers. Der Kunstgehalt ist diskutabel, die juristische Situation unklar. Die öffentliche Meinung ist aber der gnadenloseste aller Richter. So beschloss das Essener Folkwang Museum im Februar die angekündigte Ausstellung der Balthus-Polaroids lieber abzusagen.

Verselbständigt sich der zum gesellschaftlichen Medium gewordene Verdacht hier, wird er zum gelenkten Instrument dort. Das Boulevard ist bei der öffentlichen Meinungsbildung stets an vorderster Front. Man erinnere sich an die peinliche Geschichte 2004 im Kunstraum Kreuzberg, als B.Z. und Bild-Zeitung anlässlich der Ausstellung « When love turns to poison » zum Thema Pädophilie einen Skandal herbeiführen wollten, wohl mit dem Ziel, die damalige PDS-Bürgermeisterin zu Fall zu bringen. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Thema wurde ins Gegenteil interpretiert. Doch der Skandal war ein Rohrkrepierer. « Wollita », hieß ein Werk von Françoise Cactus, auch bekannt als Sängerin der Band „Stereo Total“. Die große, nackte Strickpuppe mit dem Sex-Appeal des Topflappens wurde vermeintlich zum Indiz für Pädophilieverharmlosung. Dabei wurde sie nach dem Vorbild einer Sexanzeige in der B.Z. geschaffen. Abgründe der Manipulation taten sich auf, als der stadtbekannte Kirchenstörer Roy im rein zufälligen Beisein der Presse Teile die Ausstellung zerstörte. Der Zwergenaufstand des christlichen Fundamentalisten wurde zum Bildersturm einer aufgebrachten Kirchengemeinde umgedichtet.



Als habe man nichts dazu gelernt, plante das Boulevard vor zwei Wochen die aufgeheizte Stimmung um Edathy mit einem weiteren Pädophilie-Verdacht zu befeuern. In einer Ausstellung in der Galerie des Lichtenberger Rathauses waren auf Bildern der Malerin Claudia Clemens nackte Kinder zu sehen. Die üblichen Presseorgane streuten den Verdacht, im SPD-geführten Rathaus werde Kinderpornographie gezeigt. Das triefte vor Sensationalismus. Aber leider wieder nur Fehlanzeige. Als wolle man es betonen, zensierte man für den Abdruck in der B.Z. den Genitalbereich in zwei Kinderdarstellungen. Es handelte sich bei den Bildern aber nicht um Pornografie. Wer jedoch in einer Darstellung eines nackten Kindes partout etwas pornografisches entdecken möchte, könnte der nicht selbst eines perversen Blicks verdächtigt werden? Ich selbst habe in meiner Zeit an der Kunsthochschule beobachten können, wie Gemüter hoch kochten, als ich ein Foto von einem Jungen zeigte, der in Unterhosen auf einem Ehebett saß und dessen Augenpaar mit einem schwarzen Balken anonymisiert wurde. Mit schlimmen Vorwürfen konfrontiert, konnte ich nur grinsend antworten, dass es sich bei dem Jungen um mich selbst handelte und verwies, nicht ohne Häme, auf den Titel des Bildes : « Schönheit und Verbrechen liegen im Auge des Betrachters. »



Was gezeigt und was verdeckt wird, obliegt immer gesellschaftlichen Übereinkünften oder Tabus. In der Kunst, kann die rituelle Rahmenbedingung der Kunstrezeption und ihres Kanons, dafür sorgen, dass obszöne Inhalte durch die Vergeistigung der Kunst (oder aber auch der Religion) eine gesellschaftlich akzeptable Form erhalten. Damit solche Mechanismen zum Funktionieren gelangen, muss die diesem zugrundeliegende Technê verheimlicht werden. (Zur Erklärung: Technê, ein Begriff aus der griechischen Antike, in der es unter diesem Begriff zu keiner Unterscheidung von Kunst und Technik kam. Einem Verständnis dieses Begriffs können wir näher kommen können, wenn wir den Begriff der „Fertigkeit“ den Begriffen der Kunst und der Technik nebenstellen.) So beschreibt in der heutigen Bedeutung Technê, Achtung! Jetzt wird es kompliziert!- einerseits die Fertigkeit zur Abbildung menschlicher Bedürfnisse und Phantasmen und andererseits die Rückwirkung der hierzu gebrauchten Technik auf die Hervorrufung, die Imaginationstechniken, gar die Potenzierung besagter Bedürfnisse und Phantasmen. Moralische und sittliche Standards geben vor, in welchem Rahmen dies geschehen kann. Mitunter liegt aber gerade in der Offenlegung der Technê selbst eine Obszönität. Wenn zum Beispiel Regisseure wie Pasolini oder Fellini die technische Seite der inszenatorischen Praktiken des Katholizismus mittels unterschwelliger Obszönität offenlegen. Sozusagen wird das Aufzeigen der Obszönität selbst als obszön gebranntmarkt, und zwar von jenen Kräften die obszöne Technê an den Tag legen. Das kann die katholische Kirche mit ihrer durch und durch sinnlichen Kunst sein, das kann die US-Regierung mit ihrer Reaktion auf Whistleblower sein.

Die Turaeg-Männer bedecken ihren Mund mit einem Schleier. Sie empfinden das hervorzeigen des Mundes als obszön. Das Verdecken des Sprachorgans bedeutet ein Verbergen der Körperöffnung durch die Sprache und Information ausgetauscht und verbreitet wird. Wir alle kennen die sprichwörtliche Geste der vorgehaltenen Hand, wenn Indiskretionen, Gerüchte, Geheimnisse und ungesicherte Informationen verbreitet werden. Das Aufzeigen der Kulturtechnik des Lügens ist selbst eine Kulturtechnik. In diesem dialektischen Verhältnis steht, zumindest in unserem Kulturkreis, ein Kreislauf aus Verdacht, Kritik, Denunziation, Abwehr und Dementi. Ebenso verhält es sich für eine mediale Welt, in der verborgene Wahrheiten hinter der Technik aufgedeckt werden. Es gibt eine Szene in Twin Peaks – Fire walk with me, also der Kinoversion der gleichnamigen Serie, übrigens für mich ein hiervon getrennt zu beachtendes Filmkunstwerk David Lynch's, in dem die Protagonistin Laura Palmer in ihrem Schlafzimmer liegt und eine an der Wand hängende Fotografie betrachtet, in der ihr Zimmer mit einer zum Spalt geöffneten Tür zu sehen ist.


Je länger sie das Bild betrachtet, umso mehr hat sie das Gefühl, in das Bild eindringen zu können, sich in ihm zu bewegen, bzw., dass das Bild ein Eigenleben besitzt. Dieses Vermögen zur Immersion, offenbart sich, als sie den Raum verlässt und spürt, dass sich auch auf der Fotografie die Tür weiter öffnet und sie sich nach kurzem Zögern entscheidet, ihr Zimmer zu verlassen und den unheilvollen Raum der unheimlichen Fotografie zu betreten. Die Phantasmagorie hat ihre Technik gefunden. Laura Palmer betritt den submedialen Raum. Der Verdacht tauscht die spekulative Ebene gegen eine nicht weniger spekulative, aber als wahr angenommene mediale Realität ein. In diesem Zusammenhang sei an die Verhaftung des Berliner Soziologen und Universitätsprofessors Andrej Holm erinnert. Am 31. Juli 2007 wurde er wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verhaftet, weil sich in einem Bekennerschreiben der sogenannten „Militanten Gruppe“ die Vokabeln „Gentrifizierung“ und „Prekarisierung“ fanden, die Holm in seinen Veröffentlichungen auch benutzte, wie das BKA in glorioser Internetrecherche herausfand. Die Anklage musste später fallen gelassen werden, die Militante Gruppe stellte sich als kriminelle Vereinigung heraus und nicht als terroristische. Die Verbindungen zur Gruppe konnten dann doch nicht nachgewiesen werden, da das Fehlen von Kontaktdaten eben nicht konspirativer Natur war, so der Verdacht der Staatsanwaltschaft, sondern wohl eher nicht existent. Ein falscher Verdacht der offenlegt: die offensichtlich gewordene Totalüberwachung der Bürger hat nicht dazu geführt, dass diese gesteigerte Überwachungskompetenzu einer grösseren Effizienz bei der Erfassung von Straftaten geführt habe. Spiegelt auch hier die Technê der Überwachung die Fantasmagorien der Staatsanwälte und ermittelnden Behörden? Eine Antwort erlaube ich mir, juristische Komplikationen vermutend, nicht und verbleibe, mit herzlichen Grüßen aus dem Celler Loch!





Mittwoch, 19. März 2014

Verdacht, Kunst und sexuelle Denunziation im sub-medialen Raum

Schönheit und Verbrechen liegen im Auge des Betrachters
von Diego Castro

Der Verdacht, also die Annahme, jemand habe übel gehandelt, hat seinen sprachlichen Ursprung in der « Vordacht ». Gerne wird diese Nähe zur Vorverurteilung oder gar zum Vorurteil vergessen. Im Falle Edathy, in der Causa Wulf oder bei Uli Hoeneß schwingt die Vordacht mit, Politik und Institutionen hätten Dreck am Stecken. Dieser Argwohn kann in einer Demokratie hilfreich sein. Zieht er aber die Gültigkeit rechtsstaatlicher Prinzipien und Weisungen in konstanten Zweifel, so kann eine Inflation der Skandale ebenso symptomatisch für eine Krise der Demokratie sein wie das Fehlen solcher. Aufgabe der Presse ist es, die Demokratie zu kontrollieren, nicht ihre Legitimität in Abrede zu stellen. In den drei genannten Fällen betrieben Teile der Presse eine Affizierung der öffentlichen Meinung, der es an demokratischer Kultur mangelt.

Hinter jeder mediatisierten Medialität lauert der sub-mediale Raum. Dieser liege, wie der Philosoph Boris Groys beschreibt, hinter der medialen Oberfläche und unsereins käme nicht umhin, hinter jeder normativen Oberfläche einen Abgrund der Lüge zu vermuten. Je banaler der Anschein, umso stärker der Verdacht. Der Populismus einschlägiger Medien hat sich die detektivische Praxis von Medienwissenschaftlern bis Verschwörungs-theoretikern längst angeeignet und modelliert damit die Einschlagskraft ihrer Nachrichten. Stets spüren Kolporteure die Möglichkeit zum Skandal auf. Volkszorn gegen Wellen der Sympathie. Was sozialen Unfrieden auch schürt ; für den Nachrichtenmarkt ist es immer gut.

Im Fall Edathy ist bis heute vieles unklar. Der Mutmaßung, es könne sich bei den Bildern, die Edathy im Internet bestellte, um Kinderpornografie handeln, reichte dank „gutem“ Timing bereits für die mediale Guillotine. Dass es sich bei den Bildern um Darstellungen nackter Kinder im Grenzbereich zur Pornografie handeln könnte, erfuhr man später. Die Justiz aber kann Grenzwertigkeit nicht verurteilen. Wo es keinen Verstoß gegen Gesetze gab, entbrannten erst Moraldebatten, dann der Ruf nach schärferen Gesetzen. Verdacht ist ein stumpfes Beil. Früher hat man versucht, durch Unterstellung von Homosexualität, das Ansehen politischer Gegner zu beschmutzen. Die Affäre Kißling war ein tragischer Fall. Ronald Schill versuchte später, Ole von Beust durch sexuelle Denunziation zu erpressen. Er scheiterte. Die öffentliche Meinung hatte sich geändert. Heute lautet der terminale Vorwurf: Pädophilie! Von ihm kann man sich nicht reinwaschen.

Edathy verteidigt sich strategisch. Er behauptet nun, bei den von ihm bestellten Bildern handle es sich um Kunst. Das ist geschickt, denn er stellt damit der öffentlichen Meinung eine Falle. Sein Gegenverdacht : Hinter der entfesselten Moral lauere die Doppelmoral. Da man die betreffenden Bilder nicht gesehen hat, findet die Debatte anhand eines Phantoms statt. Über die Grenzwertigkeit einiger Darstellungen kann man sich durchaus auch mit dem Blick auf den bürgerlichen Kunstgeschmack streiten. Die Gemälde eines Balthus, mit ihrer obsessiven Darstellung sich räkelnder, halbwüchsiger Mädchen, eindeutiger noch die jüngst ausgestellten, privaten Polaroids, offenbaren den lüsternen Blick von Opa Pervers. Der Kunstgehalt ist diskutabel, die juristische Situation unklar. Die öffentliche Meinung ist aber der gnadenloseste aller Richter. So beschloss das Essener Folkwang Museum im Februar die angekündigte Ausstellung der Balthus-Polaroids lieber abzusagen.

Verselbständigt sich der zum gesellschaftlichen Medium gewordene Verdacht hier, wird er zum gelenkten Instrument dort. Das Boulevard ist bei der öffentlichen Meinungsbildung stets an vorderster Front. Man erinnere sich an die peinliche Geschichte 2004 im Kunstraum Kreuzberg, als B.Z. und Bild-Zeitung anlässlich der Ausstellung « When love turns to poison » zum Thema Pädophilie einen Skandal herbeiführen wollten, wohl mit dem Ziel, die damalige PDS-Bürgermeisterin zu Fall zu bringen. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Thema wurde ins Gegenteil interpretiert. Doch der Skandal war ein Rohrkrepierer. « Wollita », hieß ein Werk von Françoise Cactus, auch bekannt als Sängerin von Stereo Total. Die große, nackte Strickpuppe mit dem Sex-Appeal des Topflappens wurde vermeintlich zum Indiz für Pädophilieverharmlosung. Dabei wurde sie nach dem Vorbild einer Sexanzeige in der B.Z. geschaffen. Abgründe der Manipulation taten sich auf, als der stadtbekannte Kirchenstörer Roy im rein zufälligen Beisein der Presse Teile der Ausstellung zerstörte. Der Zwergenaufstand des christlichen Fundamentalisten wurde zum Bildersturm einer aufgebrachten Kirchengemeinde umgedichtet.


Als habe man nichts dazu gelernt, plante das Boulevard vor zwei Wochen die aufgeheizte Stimmung um Edathy mit einem weiteren Pädophilie-Verdacht zu befeuern. In einer Ausstellung in der Galerie des Lichtenberger Rathauses waren auf Bildern der Malerin Claudia Clemens nackte Kinder zu sehen. Die üblichen Organe streuten den Verdacht, im SPD-geführten Rathaus werde Kinderpornographie gezeigt. Das triefte vor Sensationalismus. Aber leider wieder nur Fehlanzeige. Als wolle man es betonen, zensierte man für den Abdruck in der B.Z. den Genitalbereich in zwei Kinderdarstellungen. Es handelte sich bei den Bildern aber nicht um Pornografie. Wer jedoch in einer Darstellung eines nackten Kindes partout etwas pornografisches entdecken möchte, könnte der nicht selbst eines perversen Blicks verdächtigt werden? Ich selbst habe in meiner Zeit an der Kunsthochschule beobachten können, wie Gemüter hoch kochten, als ich ein Foto von einem Jungen zeigte, der in Unterhosen auf einem Ehebett saß und dessen Augenpaar mit einem schwarzen Balken anonymisiert wurde. Mit schlimmen Vorwürfen konfrontiert, konnte ich nur grinsend antworten, dass es sich bei dem Jungen um mich selbst handelte und verwies, nicht ohne Häme, auf den Titel des Bildes : « Schönheit und Verbrechen liegen im Auge des Betrachters. »

Aldous Huxley, der Terminator und Google: Über "Augmented View"

Von Diego Castro
 
01.02.2014
 
Wochennd ,Neues Deutschland

Vom Terminator lernen ...

Mit der Google-Brille durch die Pforten der Wahrnehmung

Perzeption, das ist das Zusammenspiel des Sehens mit vorgefertigten, unbewussten Vorstellungsbildern, aus denen sich ein komplexes Informationsbild zusammensetzt. Also aus Erfahrung, dem unmittelbar Wahrgenommenen und dem, was wir für Vernunft halten. Die Perzeption bringt die Verhaltensmuster und Bewertungsstrategien hervor, nach denen wir handeln.
So kann es zum Beispiel sein, dass ich einen Hund erblicke und keine Angst vor dem hüfthohen Vierbeiner empfinde, weil ich selbst in der Kindheit einen Hund aufgezogen habe. Ich weiß um die Bewegungen der Rute und erblicke in dem Tier ein liebenswürdiges Geschöpf, dem ich das Köpfchen tätschle. Eine negative Erfahrung zugrunde gelegt, erblickt ein anderer in dem Hund eher eine blutrünstige Bestie, gerät über freundliches Gebell in Panik und ergreift die Flucht.
Hätte dieser jetzt aber die Google-Brille auf, könnte er sich auf die georteten Signale einer digitalen Hundemarke verlassen. Auf dem Glas der interaktiven Brille erschiene: »Keine Tollwut. Stubenrein. Freundliches Gemüt. Name des Halters.« - In der zukünftigen Wirklichkeit keine Garantie, aber wohl eine Möglichkeit, die Wahrnehmung mit Informationen so aufzufüllen, dass das Verhalten sich danach richten kann.
»Augmented view« heißt diese Art des Sehens. Es wird durch zusätzliche Informationen getunt. Bekannt aus Fußballübertragungen, in denen Entfernungen, Schusswinkel, Spielerhistorie und Sponsoren in das Bild eingeblendet werden. Mit dieser Technik des Sehens muss man also die eigene Fußballexpertise nicht weiter bemühen. Getrost kann man das eigene Urteil an das Medium weiter delegieren.
Ich reise in Gedanken in das Jahr Eins nach der Einführung der Super-Brille in die Produktpalette der Elektronik-Discounter. Weil ich nicht blöd sein will, fahre ich zum Elektro-Multi-Maxi und kaufe mir das interaktive Supernasenfahrrad. Der Test: Die Brille erkennt bereits in der U-Bahn die Traumfrau! Eine App hat ermittelt, dass die Dame meinem persönlichen Schönheitsideal zu 97 Prozent entspricht. Ich schicke ihr augenzwinkernd eine Freundschaftsanfrage. Sie blinzelt zurück: Akzeptiert! Sofort weiß ich Bescheid über ihren Beziehungsstatus: Ledig. Interessanter Lebenslauf. Isst gern italienisch. Ihre Vorlieben jedweder Art sagen mir zu. Ich schicke ihr eine Datinganfrage. Sie bestätigt. Am Emoticon neben ihrem Gesicht erkenne ich, dass sie sich freut.
Wir treffen uns am Abend beim Italiener. Natürlich ohne Brille. Doch leider ist die Wirklichkeit ganz anders, als erwartet. Das Datingprofil sagte 99 Prozent Übereinstimmung voraus. Doch dieses kapriziöse Hochziehen der linken Augenbraue erinnert mich an meine Ex: Nein, danke! Auch sie findet mich nach kurzer Zeit »total nervig«. So hat sie mich jedenfalls auf Google-People (einer neuen Funktion von Google-Maps) nach dem Treffen markiert. Seither kann jeder - dank der Gesichtserkennung - schon von Weitem sehen: Da kommt dieser total nervige Typ, mit der eingeknickten Dating-Kurve!
Schauderhaft der Gedanke: Die Menschen geben in der Zukunft ihr Urteilsvermögen an Maschinen ab. Das Unbewusste, das Unausgesprochene, all die Magie der Perzeption geht verloren. Und wo wären wir in der Liebe, wären wir nicht zur Illusion fähig, dass auch kleine Makel total süß sein können. Statt der rosaroten Brille der Verliebtheit nun der desillusionierende Röntgen-Blick.
Mit Max Webers Gedanken zur »Entzauberung der Welt« könnte man die Rationalisierung, die dem erweiterten Sehen innewohnt, weniger als Gewinn an Erkenntnis über die eigenen Lebensbedingungen beurteilen. Der Glauben an ein täuschungsloses Leben, in dem der Mensch durch Zugriff auf jederzeit verfügbare Information das Schicksal überlistet, baut auf einen Machtgewinn, wo keiner ist. Ein Leben ohne Illusion gerät schnell selbst zur Täuschung über das Vermögen technisierter Vernunft.
Ist »augmented view« wirklich eine Erweiterung der Perzeption? Im Gegensatz zur Einnahme von psychogenen Substanzen wird die Wahrnehmung durch die Google-Brille nicht entgrenzt. Im Gegenteil, engt es die Perzeption ein und verschlankt das durch Automatisierung obsolet gewordene Bewusstsein zum Knochengerippe. Vielleicht ein wesentlicher Unterschied zwischen der Google- und der Beat-Generation.
Aldous Huxley formulierte nach der Einnahme von Meskalin in »Die Pforten der Wahrnehmung« unter Bezug auf Henri Bergson vernunftkritisch, »dass nämlich die Funktionen des Gehirns, des Nervensystems und der Sinnesorgane hauptsächlich eliminierend arbeiten und keineswegs produktiv« seien. Aufgabe des Gehirns sei es, uns davor zu schützen, von der Menge an »unnützem und belanglosem Wissen überwältigt und verwirrt zu werden«. Huxley warnt davor, diese eingeengte Realität mit der tatsächlichen Welt zu verwechseln.
Erinnern wir uns an das Schicksal des Terminators. Er war bereits 1991 mit dem erweiterten Sehen ausgestattet. Und doch wurde der lernende Cyborg mit der Unzulänglichkeit seiner Erkennungstechnik konfrontiert. Der Unmöglichkeit seiner Menschwerdung gewahr werdend, beschloss der Roboter im Schwarzenegger-Gewand, sich verschrotten zu lassen. Vom Terminator können wir lernen!

10 Jahre Facebook, ein Rückblick

10 Jahre Facebook: Mein Freund das Wurstbrot.
Erschienen im Neuen Deutschland, vom 4.2.2014
Zehn Jahre Facebook. Betrachtet man die Halbwertzeiten sozialer Netzwerke, eine lange Zeit. Mitgliederschwund beutelte Friendster, MySpace und andere einst populäre Communities. Auslöser waren neue Designs, die Nutzern zu komplex wurden. Auch mangelnde Vernetzung wurde, laut Studie der ETH Zürich, als Grund für Abwanderungskaskaden genannt. Starke Vernetzung und Simplifizierung sozialer Vorgänge mögen den anhaltenden Erfolg von Facebook erklären. Jungen Nutzern gilt es längst als uncool. 11 Millionen wanderten seit 2011 ab. Dennoch hält sich das Unternehmen und erhöhte die Werbeeinnahmen 2013 auf stolze 2,6 Milliarden Dollar.
Wer kein Konto hat, kommt in der Welt von Facebook nicht vor. Es kennt nur zwei Optionen. Nicht etwa 'Freund oder Feind'. Vielmehr Freund oder Nicht-Freund. Dabei kein Unterschied zwischen realen Personen, Konzernen, Parteien, fiktiven Charakteren oder 'Wurstbrot'. Diese herzhafte Seite hat übrigens 1709 Fans. Solch Indifferenz hat weitreichende Auswirkungen auf das Sozialleben. Nicht nur, dass man meist nur mit realen Personen gleichen soziokulturellen Hintergrunds verknüpft ist. Wo echte Freundschaften, Zufallsbekanntschaften oder Verbindungen zu Entitäten wie McDonalds, CDU oder 'Wurstbrot' den gleichen Status haben, ist der Charakter der Freundschaft diskutabel. Firmen, Parteien und Wurstbrote aber sind vorgerückt, um sich ins Privatleben einzuschleichen. Mit der Stulle teilt man arglos Interessen, mit dem Boss politische Statements und die liebe Mama bekommt die Bilder der Kampftrinkerprüfung zu sehen. Im Gegenzug gibt’s Infos von den CDU-Wochen bei McDonalds und dem neuen McWurstbrot-Burger für 1,99 €. Wem's gefällt, der klickt! Ähnlich, wie sich eine Ökonomie um die schiere Anhäufung von Kontakten bildet, gewinnen Dinge mit "Likes" an Konjunktur: Wenig Freunde sind uncool. Dinge, ohne "Likes" verschwinden. Mittlerweile unterscheiden Forscher zwischen breiter und tiefer Vernetzung. Diese gibt Hinweise auf den sozio-ökonomischen Background des Users. Reich: Breit gestreut und oberflächlich. Arm: eng und vertieft.
Einen "Dislike"-Button gibt es nicht. Konsens ist Gesetz, sonst droht Indifferenz. Kostet Zustimmung nur einen Mausklick, drückt sich Dissenz schwer aus. Formuliert man Unbehagen, verkehrt es sich umgehend ins Positive. Kritik existiert eben nur, indem sie sich der Ökonomie der Affirmation unterwirft. Es ist möglich, Facebook Unangemessenes zu melden. Ziel dieser Funktion ist jedoch nicht, mangelndem Wohlwollen Ausdruck zu verleihen. Vielmehr ist es Störungsmeldung. Das Ziel ist, Störfaktoren zu eliminieren und den Feed so zu optimieren, dass es gefällt. Dass sich in dieser schönen, neuen Welt dennoch Zwist und Zank in Form von Textbeiträgen niederschlägt, scheint eine Anomie des Systems Facebook. Mit einem "Dislike"-Button wäre die Entstehung von Shit-Storms weniger wahrscheinlich. Wer sich aber antut, die Textbeiträge von Entrüstungsstürmen zu lesen, muss erkennen, dass Meinungen sind, wie die Löcher, aus denen Fäkal-Stürme kommen: Jeder hat eins.
Inflation von Meinung ist das Problem. Würden diese als "Dislike" zusammengefasst, entfaltete sich Kritik numerisch: "CDU: 76.622 Personen gefällt das, 12 nicht." Differenzierte Meinungen gehen im Shit-Storm eh unter. Die Ökonomisierung des Sozialen ist in Facebook angelegt. Sie schreitet voran, je mehr Buttons soziale Funktionen übernehmen. Die Versuchung, Meinungen umstandslos zu automatisieren, ist groß. Doch wer beherrscht die delegierte Meinung?
Über die politische Wirksamkeit von Anliegen auf Facebook ist geredet worden. Der arabische Frühling beflügelte die Phantasien. Doch gerät bei Partizipation per Mausklick einerseits Demokratie zur Apathie. Andererseits bedienen sich undemokratische Kräfte der Netzdemokratie. Nicht nur arabische Staaten und Nazis nutzen das Netz zur Ortung von politischen Feinden. Demokratie hat Facebook bei sich selbst indes weitgehend abgeschafft. Der halbherzige Versuch, Mitbestimmung zu verankern, wurde eingestellt. Wie es heißt, aufgrund mangelnder Beteiligung.
Der NSA Skandal hat viele für den Schutz der Privatsphäre sensibilisiert. Oft jedoch ist nicht bewusst, in welcher Weise persönliche Daten verwertet werden. Facebook fungiert als Meta-Datenbank für Kunden. Die Datenakkumulation ist enorm und lukrativ. Einer Generation, die sich an Volkszählungsboykott kaum noch erinnern kann, werden Intimitäten entlockt, deren Offenlegung die Menschen einst auf die Barrikaden getrieben hat. Der Selbstdarstellungsdrang einer individualistischen Gesellschaft verhilft Facebook zu diesen Daten. Was Dritte sehen, darüber weiß man wenig.

Die schwindende Popularität des lebendigen Adressbuchs liegt auch im gesunkenen Vertrauen. Jedoch herrscht Inflation noch auf anderer Ebene: Facebooks Problem heisst „Veracity“: Bilden die akkumulierten Daten die Wirklichkeit ab? Eine Frage des Werts. Forscher entwickelten nun eine Software, die Sarkasmus erkennt. Treffsicherheit 77%. So bleiben soziale Medien im Geschäft. Bei soviel Gedanken-Polizei aber, vergeht das Lachen vielleicht bald.

Sonntag, 19. Januar 2014

Netzkultur, Berliner Festspiele

Der Hauch des kalten Krieges

von Diego Castro

„Die Stumme Masse“ - eine Veranstaltung zur Netzkultur in den Berliner Festspielen  Internet kaputt ! Wie ein geplatzter Kindertraum wirkte Sascha Lobos Lamento über die verlorene Unschuld des Netzes. Unvermeidlicher Auftakt der Veranstaltung der Berliner Festspiele. In Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung hatte man geladen, mit Experten und Künstlern über Netzkultur in Zeiten von Datenskandalen zu diskutieren. Wie immer, wenn es um Entzauberung der Welt geht, wird die Kunst angerufen. Doch Antworten auf das kaputte Internet erwartete man vergebens, wo sich Kunst mit Kultur verwechselte und Kunst zur Technik schwieg. So bleibt Kunst im kaputten Netz wie Graffiti in Kabul, Kampf gegen Windmühlen.

Der geladene höllandische Medientheoretiker Geert Lovink, attestierte Lobo scherzhaft typisch deutschen Negativismus. Gleich Oswald Spengler, beschwöre Lobo den Untergang des Abendlandes. « Zu einfach » fand Lovink, was der Internet-Irokese unbescheiden als « Vierte Kränkung der Menschheit » bezeichnete. Angesichts der späten Erkenntnis, das Internet sei Ort der Kontrolle, nicht der Freiheit, verklärte Lobo seine eigene Naivität zur Weltgeschichte. Ist das Internet datenverschlingender Moloch der Kontrollgesellschaft? Das Gefühl der Machtlosigkeit könne Lovink gut verstehen. Die Vermessenheit aber, mit welcher der deutsche Internet-Guru die Menschheit aufteilt in jene, die wissen wie das Internet ihr Leben verändert habe und jene, die in Dunkelheit lebten, wurde von der NSA abgestraft. Es seien, so Wikileaks-Mann Joseph Farell, weniger spionierte Inhalte als die gesammelte Meta-Daten das Problem. Selbst im Bewusstsein über die Kontrolle scheint oft unklar, wie Freiheit verletzt wird. Mit Snowden sei die « Konsens-Blase » der Internet-Community endlich geplatzt: Mit der belgischen Philosophin Chantal Mouffe, knüpft Lovink an die Kritik einer universellen, rationalen Einhelligkeit als Gefahr für die Demokratie an. Konflikte auszutragen, sei der Community neu. Wo der Glauben an paritizipative Webdemokratie schwindet, weitet sich die Kampfzone.

Ähnlichen Zweifel hegt Architekt Markus Miessen mit seiner Kritik der Partizipation. Auseinandersetzungen verschöben sich in flüchtige Oberflächen. Diskurse würden von Amateuren illustriert. Basisdemokratie werde simulativ. Miessen verortet hier kaum mehr als eine Fassade des Mitmachens. Als wolle er dies unterstreichen, war er zur geplanten Skype-Konferenz offline. Abwesenheit trotz Anwesenheit. 

Ein implizites philosophisches Problem des Netzes. Selten sind die Auswirkungen des Virtuellen auf das Reale so unmittelbar wie der arabische Frühling. In der virtuellen Welt wird dem Gefühl erfolgreicher Teilhabe allzu leicht Ausdruck verliehen. Per Mausklick dabei sein. Aber wobei ? Wo sind wir, wenn wir im Netz sind? Die viel beschworene Relationalität scheitert am Raumcharakter des Web. Ein Nicht-Ort, ahistorisch, ohne Identität, ohne wirkliche Begegnung. Die Spuren, die wir im Netz hinterlassen, die Freundschaften, die wir in sozialen Netzwerken eingehen – doch nur falsches Leben im Richtigen ? Die Kränkung mag in der Entzauberung des Netzes liegen. Selbst Zweifler mussten einsehen, dass der Big Brother real im Netz spukt. Die Illusion einer besseren Globalisierung im Netz hat Risse erhalten. Mit der Entrüstung über die NSA entzündet sich nun Kritik an der zentralistischen Struktur des Netzes. Auch Lovink sieht dringenden Bedarf, zu fragmentieren. Ich frage ihn, ob die Dezentralisierung des Netzes nicht das post-demokratische Problem birgt, dass Kritik schwer adressierbar werde. Dies eingeräumt, bleibt er optimistisch. Lobo setzte sich unlängst für die Stärkung der europäischen Geheimdienste ein, als Antwort auf die Kontrollhoheit der USA. Ich frage, ob das die Vorhut eines digitalen kalten Krieges sein könnte. Das hält Lovink für übertrieben. Das neuerliche Interesse von Institutionen und Regierungen am Thema weise aber darauf hin, dass Claims abgesteckt würden. Allen Beteuerungen zum Trotz, machte sich am Infostand der Bundeszentrale für politische Bildung irgendwie der Hauch des kalten Kriegs bemerkbar.

Dienstag, 7. Januar 2014

Scham, Peinlichkeit und Kunst

Ungezwungenheit in den Umgangsformen, in der Garderobe, Gelassenheit im Benehmen. Aufmerksam sehend, die Sinne geschärft, trotzdem aber ausgelassen, in sich selber ruhend, gewähren lassend, ohne sich selbst verstellen zu müssen und vor allem den elementaren Unterschied zwischen dem Selbst und dem Kunstwerk vorbehaltlos hinnehmend. So stelle ich mir das Verhältnis das Verhältnis von Mensch und Kunst vor. Dem Kunstwerk erlaubt man, sich Dinge unumwoben ins Gesicht sagen zu lassen. Auch umgedreht sollte die Kunst einer Befragung nicht entweichen. Nun kann das Gemälde sich dem Betrachter schlecht entziehen. Es öffnet sich per se dem geduldigen Besucher, den es in all seiner Höflichkeit erwartet, selbst wenn es ihm unangenehme Wahrheiten unterbreiten muß.


Der Besucher seinerseits, kann diese Höflichkeit erwidern, indem er dem Kunstwerk alle Aufmerksamkeit schenkt. Tritt man ins Museum, so zeigt sich der Kunstbeflissene unbekümmert. Er kennt die Regeln, er weiß sich zu benehmen. Die Statistiken beweisen1 : Die meisten Museumsbesucher gehören gehobenen Schichten an, ebenso wie die meisten Kustoden und Kunsthistoriker. Die Benimmregeln in einem Museum ähneln dem bildungsbürgerlichen Habitus. Die wenigen Besucher ohne entsprechende Erziehung oder Erfahrung tappen unsicher von einem Fettnäpfchen ins Nächste. Ist man Kunstliebhaber oder Kunstprofi und dem Gang ins Museum also vertraut, so fallen einem diese unsichtbaren Benimmregeln nur noch auf, wenn jemand sie bricht. Fast immer, so scheint es, geschieht dies aus einer gewissen Unbedarftheit. Nicht selten registriert man das Fehlverhalten mit strafenden Blicken, die stellvertretend dem Trampel, der gerade die Skulptur angefasst und die Alarmanlage ausgelöst hat, den heiligen Ernst der Kunst bedeuten wollen. Der Betroffene sucht vergeblich, seinen Faux-Pas mit einem Lächeln zu überspielen. Aber er erntet damit keinerlei Sympathien. Das Lachen gefriert und der Ungeschickte trollt sich weg. Er schämt sich. Die anderen finden es peinlich.

Die Scham und die Peinlichkeit, so schreibt Norbert Elias, sind Resultate von Umkehrungen des Fremdzwangs in den Selbstzwang2. Der Verstoß gegen die ungeschriebenen Gesetze des Museums erfüllt den Übertreter mit Scham, den Beiwohner mit peinlichem Gefühl. An die Kunst aber denkt dabei niemand. Ihr ist diese Übertretung, nimmt sie daran keinen Schaden, in den meisten Fällen egal. Denn der angesprochene Selbstzwang obliegt mehr dem Ordnungssinn der Kunstinstitution und weniger den Regeln der Kunst selbst. In nicht wenigen Kunstwerken wurde versucht, diese musealen Vorschriften und Benimmregeln außer Kraft zu setzen. Und eben nicht selten widersetzt sich die museale Ordnung der Kunst. Wenn zum Beispiel die Alarmanlage die Näherung an ein Bild von Mark Rothko auf die vom Künstler ersonnene Distanz verhindert. Oder aber bis zu dem Punkt wo der Künstler zugunsten der musealen Ordnung sich selbst zensiert. Vielleicht standen konservatorische Motive im Vordergrund, vielleicht nur der Wille zum monolithischen Schlußresumées eine Gesamtwerks, als Franz Erhard Walther mittels musealen Verbots « Werkhandlungen », an seinen Kunstwerken -wie 2013 in der Hamburger Kunsthalle- nicht mehr gestattete. Die von ihm ursprünglich angestrebte Demokratisierung des Werks, ohnehin schon durch stringente Anweisungen des Künstlers zum « freien » Gebrauch des von ihm zur Verfügung gestellten Materials in Frage gestellt, verschließt sich vollends hinter der strengen Einhaltung einer musealen Ordnung.3

Wie auch immer, schließt die museale Ordnung technisches Fehlverhalten und Allzumenschliches aus. Beim sozialen Kunstwerk kann das technische Fehlverhalten Bestandteil der künstlerischen Inszenierung werden und die Übertretung von Schamgrenzen zur perfiden Hausordnung. Wohlgleich ist jeglicher Blick hinter die Kulissen der Institution tabu. Die Verschwiegenheit um die Geheimnisse der Institutionsorganisation ist das erste der ungeschriebenen Gebote des Kunstbetriebs. Doch geht es dabi nicht nur um mehr oder weniger schmutzige Details der Ausstellungsfinanzierung, um Praktikantenausbeutung oder pikante Details aus der Belegschaft. Das Museum oder die Galerie verbirgt ja noch viel mehr hinter seinen weißen Wänden und den nüchternen Displays der Kunstinstitution verbirgt sich ein komplexes Dispositiv: Die Distanziertheit, welche die museale Ordnung vom Besucher fordert, also ; keine übertriebenen Reaktionen, keine Bewegung außerhalb der vorgegebenen Bahnen, keine lauten Unterhaltungen - schon gar nicht mit dem Aufsichtspersonal - und sich niemals die Blöße geben, von der Kunst nicht allzuviel zu verstehen -diese Form von Distanziertheit findet also ihre Entsprechung im Dispositiv der Institution. Diese gibt sich betont zurückhaltend und ist sets sehr darauf bedacht, den Kunstgenuss nicht zu trüben durch die Offenlegung der für ihre Präsentation erforderlichen Prozesse. Wie bei der Essenszubereitung der Prozess, zum Beispiel das Töten von Tieren4, oder die schlechten Arbeitsbedingungen in der Küche, unkenntlich gemacht wird, so soll auch dem Kunstgeniessenden der Geschmack nicht vergehen. Sei es durch ein Verhalten, das diesem Geschmack widerspricht, sei es durch die Offenlegung von problematischen Details der Acquise, der Finanzierung mit beispielsweise Blutgeld, der Arbeitsstrukturen, schlechten Löhnen im Ausstellungsaufbau, der Praktikantenausbeutung, der Unansehnlichkeit des Kunsttransports und der Hängung, politischer Einflussnahme auf die Sammlungspolitik, der Wille karrieristischer Kuratoren, sich zu kompromittieren und allerhand unappetitliches aus den Hinterzimmern der Museen.

Das schwierige Verhältnis von Fremd und Selbstzwang spielt auch eine besondere Rolle beim sozialen Kunstwerk. Es kann uns in einer Art herausfordern, welche dem Selbstzwang geradezu sublimatorische Form geben kann. Einerseits verlangt es unter Umständen, sich einer erweiterten Museumsordnung zu unterwerfen, gerade auch wenn sie vorgibt, alte Ordnungsmuster aufzubrechen. Indem das Werk dazu einlädt, bekannte Verhaltensmuster aufzugeben und neue Wege zu beschreiten, fordert es vom Betrachter den vollen Willen zur Hingabe an das Werk. Die körperliche Involvierung, die Unterwerfung des Körpers unter die Gesetze eines Kunstwerks, geben, für alle sichtbar, Aufschluß über Ergebenheit und Demut gegenüber der Kunst. Die körperliche Verweigerung gegenüber dem Werk, stelht selten in einem guten Licht. Selten wirkt sie als arrogant. Meist kommt sie einem offenen Bekenntnis zum Banausentum gleich. So verbleibt den armen Ausstellungsbesuchern kein Ausweg aus dem Dilemma zwischen der Schmach als Ignorant dazustehen oder der beschämten Teilnahme, in der sie ihre Selbstbestimmtheit, vielleicht auch eine würdevolle Haltung, aus dem Willen zur Kunst heraus, aufgeben müssen. Sie müssen partizipieren. Ob dabei die Kunst, wie durch allfälliges Museumsmarketing angepriesen, genossen werden kann, ist fraglich. Verlangt die Kunst mitunter auch anstrengende geistige Leitung von den Betrachtern, so kann diese immer noch den Genußfähigen eine positive Sinnesempfindung darstellen. Der Umkehrschluss gilt bisweilen nicht. Wird man aber zum Subjekt der Prüfungen und Versuchsanordnungen von Künstler und Institution, verletzt die Frage nach dem Genuss das Tabu, das durch die moralische Anrufung oder das imperative Spiel gesetzt ist. So werden aus Besuchern  Banausen, Spielverderber und Frevler.

Eine besondere Herausforderung an den Betrachter stellen solche Werke, die zu moralischem Handeln zwingen, beziehungsweise die Moral des Betrachters auf die Probe stellen. Ein Klassiker ist Yoko Ono's « Cut Piece ». Auch wenn die Künstlerin das Verhältnis von geben und nehmen anders bewertete, den Aspekt des Gebens stärker betonte, so ist letztlich doch die -durchaus auch ökonomisch gemeinte- Frage : Wieviel nehme ich ? Die Künstlerin sitzt in ihrem besten Kostüm da, wieviel nimmt man ihr davon weg? Nota bene: Yoko Ono war bei den ersten Aufführungen 1965 noch arm. Wieviel aber, und das scheint trotz allem die viel wichtigere Frage, nehme ich ihr von ihrer Würde, wie sehr möchte ich dazu beitragen, daß die Künstlerin sich schämt ? Die Anwesenden gehen schon bald vom Sammeln von Stoffetzen über zum Freilegen des Körpers. Als einer der Zuschauer Ono die Träger des Büstenhalters durchschneidet und so ihren Busen freilegt, bedeckt sie ihre Brüste. Das Schamgefühl der Künstlerin wird offensichtlich. Spätestens jetzt überträgt sich das Schamgefühl auf die Partizipienten. Bei der 1965 Aufführung in New York wird der Mann (er hält sich für witzig) der den Büstenhalter auftrennt, der Unmut des Publikums zuteil. Sie finden ihn peinlich. Eine Stimme aus dem Publikum ruft ihm zu : « Cornball ! ». Das Fremdschämen wird so zum Ausdruck von Moral, ganz egal wie subjektiv man mit dem Verdikt des Publikums einverstanden ist. Die Umkehrung von Fremd- und Selbstzwang ist gelungen und die Performance gelangt nachhaltig zu Wirkung.

Die performativen Arbeiten von Flatz sind ganz Prüfung : Spektakel oder Nächstenliebe ? Weitergucken oder die Selbstquälung des Künstlers unterbrechen ? Indem Flatz die Verantwortung in die Hände der Betrachter legt, verkehrt auch er Selbst- und Fremdzwang. Allerdings invertiert er einen von ihm gesetzten Selbstzwang zum Fremdzwang, indem er das Publikum, stärker als die erwähnte Yoko Ono, ethischem Zwang aussetzt. Statt der Passivität des Anguckens ist die Intervention gefordert. Nichts zu tun, wird moralisch fragwürdig, wird zur Schande.

Legendär das Beispiel eines dänischen Künstlers Marco Evaristti, der in einer Ausstellung lebende Goldfische in zehn Küchenmixern beherbergte5. Die Tiere schwammen sorglos in den etwas klein geratenen Aquarien. Dem Besucher oblag es, den Funktionsschalter des Mixers zu bedienen oder eben nicht. Das Werk wäre wohl keiner weiteren Erwähnung wert, wenn nicht ein Besucher eines der armen Tiere durch Betätigen des Schalters püriert hätte. Das Werk Evaristtis entfaltet seine volle Bedeutung in dem Moment, in dem es ihm gelingt, den Zeigefinger auf die verdorbene Moral des Ausstellungsbesuchers zu richten, der stellvertretend für die gesamte Menschheit die profunde Bösartigkeit des Menschengeschlechts vorführte. Fast könnte man meinen, der Künstler habe diese Übertretung wohlwollend in Kauf genommen. Ein anderes Werk, « Occasion » von Cildo Meireles, gezeigt im Frankfurter Portikus6 bestand aus zwei Räumen, getrennt durch einen halb durchlässigen Spiegel. Im ersten Raum befand sich nichts, außer einem Podest, darauf eine Schale mit Geldscheinen und Münzen. Das Werk versuchte, getreu dem Motto « Gelegenheit macht Diebe » den Besucher zum Diebstahl zu verführen, sich gleichzeitig aber mit den aufblitzenden eigenen Moralkonventionen zu konfrontieren. Dabei konnte man sich dann selbst ertappen, in dem man sich beim Stehlen im Spiegel erblickt. Von der durchlässigen Seite aus, im anderen Raum, konnte man den Dieb im peinlichen Moment des Zusammenbruch seiner Moral erwischen, bzw. die Veruchung und das Ringen mit den eigenen Moralvorstellungen des Besuchers im anderen Raum beobachten. Diese künstlerische Arbeit stellt vielerlei Fragen und Anforderungen an das Publikum. Soll man den Geldschein nehmen ? Soll man ihn nehmen, selbst wenn man weiß, daß man beobachtet werden könnte ? Soll man den Dieb, so man ihn erwischt, melden oder soll man sich zum Komplizen machen, weil man sich vielleicht davor schämt, den anderen bloßzustellen, oder davor, sich selbst zum Vigilanten, zum Denunzianten zu machen ? Oder soll einem gar die eigene Indifferenz gegenüber einem solchen Diebstahl vor Augen geführt werden ? Wie dem auch sei, in beiden Beispielen wird niemand die Moral des Kunstwerks in Frage stellen, sondern immer nur die Betrachter, die dieser Prüfung, haben sie einmal den Raum betreten, ausgeliefert sind.

Am Beispiel eines Werks von Jochen Gerz und Esther Shalev-Gerz ließe sich das mit noch größerer Deutlichkeit zeigen7. In Harburg errichteten sie 1986 ein Mahnmal für die im Holocaust ermordeten Juden. Es handelte sich dabei um eine mit Blei ummantelte Stele, die durch eine daneben befindliche Tafel auf ihren Sinn hinwies. Mit Stahlstiften konnten Passanten in das weiche Blei ihre Unterschrift ritzen, um ein Zeichen gegen Faschismus zu setzen. Die 12 Meter hohe Stele wurde in acht Schritten abgesenkt, bis sie schließlich ganz verschwunden war. Die Unterschriften, aber auch alle Kommentare, Schmierereien und Beschädigungen wurden somit für eine unbestimmte Nachwelt festgehalten. Natürlich war es von Gerz einkalkuliert, daß es anti-semitische Äußerungen, nazistische Schmierereien und allerhand Einträge geben würde, denen es am nötigen Ernst mangelte. Hierbei unterzieht er aber nicht ein gebildetes Kunstpublikum einem Moralcheck, sondern auch Otto Nomalverbraucher. Was das Künstlerpaar hierdurch bewirkt, ist daß er einerseits an den Ernst des Gedenkens appeliert. Aus dem Kunstrahmen herausgesprengt, fragt er welche Würde das Gedenken besitzt, wo das Erinnern schwindet. An die Öffentlichkeit gewendet, fragt das Werk nicht nach dem feierlichen Ernst der Kunst. Es fragt nach dem öffenlichen Umgang mit dem Gedenken und klammert dabei offizielle Agendas des Gedenkens aus. Durch die Unmißverständlichkeit seiner Mission und die Unmöglichkeit, das eingetragene zu revidieren, eröffnet das Werk die Möglichkeit, sich analog zur versinkenden Stele, in Grund und Boden zu schämen und über eine Gesellschaft nachzudenken, die so Schreckliches verbrochen hat und so wenig Ernsthaftigkeit oder gar noch so viel Beschämendes im Gedenken aufbringt.

Allen genannten Werken ist gemeinsam, daß es zu ihrem Verständnis keinerlei Spezialwissen der Kunstliebhaber bedarf und das richtige Verhalten zu ihnen sich aus dem gesunden Menschenverstand ergibt, an den sie alle appellieren. Alle sprechen die Betrachter gleich an, als entscheidende Wesen und nicht als Museumsbesucher, als Kunstliebhaber, als Bildungsbürger. Aber ist Kunst, die ihren Kunstcharakter ausblendet oder verschleiert gegenüber den Betrachtern fair?

1Pierre Bourdieu, Alain Darbel, Die Liebe zur Kunst, UVK Konstanz 2006, Tl.I, S.33 ff.
2Norbert Elias, Prozess der Zivilisation ; Bd.1, S.184
3Petra Schellen, « Rückfall in die Vergangenheit », Rezension, taz vom 18.4.2013
4Bernhard Rathmayr, Zwang und Selbstverwirklichung, Transcript, Bielefeld 2011, S,142
5« Goldfische im Mixer », Meldung im Tagesspiegel vom 25.11.2000
6Cildo Meireles, « Occasion », Ausstellung Nr. 124, Portikus, Frankfurt am Main, 2004